Veranstaltung für Angehörige, 18.09.1999

Meine Tante Maria lebt seit Januar diesen Jahres im Altenheim. Erst jetzt, nach 9 Monaten kann ich meine Schuldgefühle abbauen und fühle mich wohler.

Wie kam es dazu? Tante Maria kommt schon seit 15 Jahren zu mir. 11 Jahre davon selbständig mit dem Bus und seit 4 Jahren hole ich sie zusammen mit meinem Vater mit dem Auto zu mir und gehe dann arbeiten. Sie kochte für meine Familie, räumte auf, flickte die Wäsche usw. Etwa vor einem Jahr meinte mein Vater: Ich könnte ihn mit Tante Maria nicht mehr allein lassen... Sie hätte das Kochen verweigert und das ginge doch wohl nicht... Sie schaffte das Kochen nicht mehr, wusste keine Zeit mehr, nicht mehr was in den Töpfen war, nicht mehr welche Herdplatte an war und sie war dadurch sehr verunsichert.

Nun sensibilisiert fiel mir auf, dass auch ihr äußeres Erscheinungsbild anders war. Die Kleidung schmuddelig, das Haar weniger gepflegt. Sie kannte keine Wochentage mehr. Ihre Wohnung war durcheinander, alles verstaubt. Sie versteckte ihre Schmutzwäsche – konnte diese auch nicht mehr waschen. Das Geld floß ihr nur so aus den Händen. Nachts schlief sie nicht mehr. Lief ohne Ziel nach draußen von einer inneren Unruhe getrieben. Angstzustände und Verfolgungswahn nahmen sie gefangen. Ihre Einkaufstasche war immer für den „Krieg“ gepackt mit Kerzen, Streichhölzer, Gesangbuch, Besteck, wichtiges Porzellan usw. Sprach ich sie darauf an, blockte sie ab.

Ich ging mit ihr zum Arzt. Dieser verschrieb ihr pflanzliche Beruhigungsmittel und ein Medikament zum Schlafen. Das reichte mir aber nicht. Tante Maria sollte doch wieder gesund werden (normal werden). Im Freundeskreis erfuhr ich von Eickelborn, dort versuchte man diesen verwirrten Menschen zu helfen. Ich besorgte mir beim Hausarzt eine Einweisung und mit viel Geduld und Tricks schafften mein Schwager und ich sie dorthin. Leider ohne Erfolg. Sie weigerte sich, mit vielen Ausreden, dort zu bleiben. Gegen ihren Willen durfte das Haus sie nicht aufnehmen. Also nahmen wir sie unverrichteter Dinge wieder mit nach Hause. Eines Abends, kurz vor Weihnachten 1998 erhielten wir einen Anruf ihrer Mitbewohner: Tante Maria ständ völlig aufgelöst - mit ihren Taschen - vor dem Haus und wäre überzeugt das Haus brennt. Mein Mann und ich fuhren sofort zu ihr, luden sie ins Auto und brachten sie an einen sicheren Ort nach Eickelborn.

Dort blieb sie einige Wochen. Dieses war die schlimmste Zeit für mich. Ich hatte sie einsperren lassen. Wird sie noch mit mir reden? War es richtig? Sie ist doch gar nicht so krank wie die anderen Patienten? Gehört sie überhaupt da hin? Ihr unterwürfiges Benehmen war mir fremd („Ich muß immer ja sagen, damit ich nicht geschlagen werde.“) Jetzt war sie total durcheinander. Weihnachten holten wir sie für 2 Tage zu uns. Sie fand sich auch bei mir nicht mehr zurecht, wollte immer in ihre Wohnung. Nachts nahm sie das Bett auseinander mit Rahmen und Matratze und schlief auf dem Fußboden. Hilflos stand ich dieser Situation gegenüber. Ruhig schlafen ging nicht, mit einem Ohr lauschte ich auf die Geräusche aus Tante Marias Zimmer. Und doch war sie mir am nächsten Morgen entwischt und mit Mantel und Tasche auf die Straße gelaufen. Ich holte sie, trotz ihres Streubens, wieder ins Haus und war froh sie wieder nach Eickelborn bringen zu können.

Die dort behandelnde Ärztin teilte uns mit, dass Tante Maria nicht mehr allein leben sollte.
(Und nun?) Zu mir - das schaffe ich nicht. Halbe Tage ja, aber nachts. Ich kann die Verantwortung nicht übernehmen. Was macht dann meine Familie? Würde sie mir helfen?

Wir sollten auch eine Betreuung für sie bestellen. (Wie macht man so etwas? Was bedeutet es?)
Nach langem Suchen finden wir einen Altenheimplatz für meine Tante. Das Heim nimmt sie aber nur, wenn sie in einer Pflegestufe eingestuft ist. Hier hat uns Eickelborn sehr geholfen und mit dem Altenheim gesprochen. Vom medizinischen Dienst wurde sie dann später auch eingestuft.

Mein Mann wird als Betreuer bestellt (Er hatte einen Antrag beim Amtsgericht Arnsberg gestellt mit Begründung und medizinischem Bericht). Er musste sich persönlich beim Amt in Soest vorstellen und erhielt dann den Betreuerausweis. Es wurde ihm die Verantwortung bewusst gemacht und ihm klargelegt, dass er über alles Rechenschaft ablegen muß. Eine neutrale Rechtsanwältin (vom Amtsgericht bestellt) besuchte Tante Maria im Altenheim und stellte fest, ob sie dort hingehört oder nicht doch allein leben könnte. Dadurch bekomme ich das Gefühl der perfekten Kontrolle – ob wohl angenommen wird, wir wollten unsere Tante nur abschieben, uns eventuell an ihrem Vermögen bereichern?

Nach 4 Monaten Altenheimaufenthalt lösen wir ihre Wohnung auf. Verkaufen den Hausrat und die Möbel, listen alles genau auf und geben diesen Bericht an das Amtsgericht. Der Erlös geht auf Tante Marias Konto. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Meine Tante hat keine Wohnung mehr. Hoffentlich haben wir richtig gehandelt.

Sie weiß jetzt, nach 8 Monaten, dass sie im Altenheim ist. Aber für sie nur vorübergehend, bis sie wieder gesund ist. Dann geht sie zurück in ihr Haus.

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