Bis ins 88. Lebensjahr hinein bereitete sie sich pünktlich ihr Essen selber zu, kaufte für sich selber ein, hielt ihre Wohnung weitestgehend selbstständig in Ordnung, fegte regelmäßig das Pflaster vor dem Haus, half dann und wann im Garten, las aufmerksam die Zeitung, verfolgte die Nachrichten, besuchte die Kaffeetafel des Seniorenkreises und nahm an dessen Ausflügen teil. Nachbarn, Freunde und Bekannte sprachen anerkennend und bewundernd über ihre körperliche und geistige Fitness. Wie oft hatte sie es sich nicht nehmen lassen, die zwei Kilometer zur Stadt zu laufen, statt von uns mit dem Auto gefahren zu werden! Gut, in der letzten Zeit ließ sich denn doch immer häufiger zunächst von uns abholen und schließlich auch hinfahren - aber diese stattliche Zahl von Lebensjahren und ein recht langer steiler Berg auf dem Weg zur Stadt, der abwärts die Füße schmerzen lässt und aufwärts selbst Jüngeren den Atem raubt, sind gewiss einleuchtende Gründe dafür, irgendwann die bequemere Methode der Fortbewegung zu wählen.

Sie und wir ... 
... lebten 24 Jahre lang in unserem Zweifamilienhaus zusammen. Oma (so werde ich sie in Zukunft nennen, denn dies war die gebräuchlichste Art, über sie zu sprechen) bewohnte die obere Etage, wir die untere. In den ersten zehn Jahren gehörte noch Opa zu dieser Hausgemeinschaft. Er starb dann eines Tages völlig unerwartet, indem er ohne Kampf und Schmerzen ganz einfach friedlich in seinem Lieblingssessel einschlief und nicht wieder aufwachte. So einen Tod wünschte sich Oma auch. Doch leider sollte es ganz anders kommen. - Wir, das sind:

Omas Tochter, (damals 54 J., Lehrerin, trägt die Hauptlast der Familie, was sich erklärt, wenn Sie die nachfolgenden Zeilen lesen)
ich selber, Schwiegersohn (damals 54 J., vormals Lehrer, frühpensioniert wegen schwerer chronischer Herzschwäche nach Herzinfarkt)
unsere 3 Kinder (damals 19, 15 und 13 Jahre) 
unsere Hündin (Golden Retriever, 4 Jahre alt)

Irgendwie hatte sich im Laufe der Jahre eine gesunde Mischung aus Nähe und Distanz zwischen Oma und uns eingespielt, die keine nennenswerten Konflikte der Generationen aufkommen ließ. Oma ließ sich gern in ihrer Wohnung besuchen (lieber als umgekehrt, weil es bei uns naturgemäß relativ hektischer und lauter zuging), und so kam es, dass sie immer wieder im Laufe des Tages meine Frau, mich, die Enkelkinder oder alle zusammen um sich hatte zum Erzählen, Kaffee trinken, Spiele machen etc. Unser Hund brauchte nur Omas Schritte zu hören oder das Wort „Oma“, schon stürmte er die Treppe herauf, um ein Leckerchen von Oma zu erbetteln, Streicheleinheiten zu empfangen und sich mitunter stundenlang auf Omas Teppich zu räkeln.

Wir wünschen uns, es möge immer so weiter gehen, aber ...

... Oma wird irgendwie anders ...
... müssen wir irgendwann eingestehen. Zunächst ist da so ein bisschen Vergesslichkeit und „Schusseligkeit“, wenn sie z.B. die Wochentage vergisst oder die Namen der Kinder verwechselt. Anfangs lacht sie sogar herzhaft darüber, dass ihr so etwas passiert, und wir teilen ihren Humor, weil Oma selber zu berichten weiß, wie viel vergesslicher andere ihre Bekannten sind, und diese sind fast alle noch erheblich jünger. Gebremst wird allerdings der Humor, als ich sie Sonntags Morgens gegen 8.30 Uhr mitsamt Einkaufstasche vor Lidl abhole, sie entrüstet ist, wie spät heute Lidl aufmacht, sie müsse doch dringend einkaufen, und wie sie dann bei der Rückfahrt im Auto herumdruckst, sie habe eigentlich nur ein bisschen Luft schnappen wollen.

Plötzlich vergisst diese Frau, die immer Wert darauf gelegt hatte, dass sie Punkt zwölf zu Mittag essen konnte, das Essen zuzubereiten! Sie wollte sich heute nur eine Schnitte machen, sagt sie uns, und heraus kommt, dass sie nur ein paar Schnitten altes, hartes Brot im Hause hat und einige Scheiben vergammelte Wurst ... - Übrigens habe der Hund jetzt mehrmals in der Küche sein Pipi gemacht, sagt sie, und sie droht dem Hund. Mit Humor können wir das jetzt wirklich nicht mehr schultern. Und die Kinder sollen morgens nicht so lange bei ihr herumtrödeln, bis Mama in die Schule gefahren sei und ich, der ich doch selber so schwer krank sei (einzig in diesem Punkt hat sie Recht) dann zusehen müsste, wie ich sie in die Schule bekomme!

Wir erkennen: Ganz so einfach ist das Zusammenleben jetzt nicht mehr, und wir müssen etwas tun: Ich beginne im Internet zu recherchieren und trage eine Fülle von Material über Demenz und Alzheimer zusammen. Ich besuche Vorträge, die eigens für pflegende Angehörige ins Leben gerufen wurden. Dem Internet, dem Veranstalter der Vorträge und den Referenten sei Dank, denn ich erfahre, dass alles noch viel schlimmer kommen kann oder wird, aber auch, wie man damit umgehen kann.

Und eine Weile klappt das auch. Meistens erkennen wir an Omas Blick, wie wir reagieren sollten. Manchmal ist es besser, sie zu korrigieren, und sie ist froh, wieder in der Realität zu sein. Ein anderes Mal ist es besser, z.B. die imaginären Gäste, die nicht gehen wollen, energisch aufzufordern, jetzt endlich ihre Wohnung zu verlassen oder die Kinder (tatsächlich sind sie alle unten) endlich nach unten und ins Bett zu bringen. - Wir kriegen das schon hin, sagen wir uns, Oma gehört zur Familie, und wenn es jetzt auch schwieriger geworden ist mit ihr, wir haben doch ganz gut gelernt, damit umzugehen, und eigentlich ist Oma, versetzt man sich mal in ihre Welt, doch wirklich nicht unglücklich.

Wir hatten nur teilweise Recht. Das Ereignis, das alles Bisherige gründlich umkrempelte, war ...

Omas Sturz
Eines Morgens. Meine Frau und die Kinder in der Schule. Oma, ich und der Hund allein zu Hause. Plötzlich ein Poltern, als falle jemand von oben bis unten die Treppe herunter. - Und genau das war’s: Oma hatte den Abfall in die Mülltonne bringen wollen, hatte irgendwie das Treppengeländer losgelassen ... (an mehr konnte sie sich nicht erinnern). Jedenfalls lag sie jetzt da, Beine treppauf gerichtet, Kopf auf dem gefliesten Boden des Flurs, Blut an den Beinen, an den Armen, eine sich vergrößernde Blutlache unter dem Kopf, stöhnend: „Jetzt ist mein Ende.“

Wenn Sie sich daran erinnern, dass ich selber schwer herzkrank bin, werden Sie bitte verstehen, dass ich die näheren Umstände und meine klägliche Rolle dabei nicht ausführlich schildere (war ja gut gemeint, lieber Hund, dass auch du dich um Oma kümmern wolltest, aber den Sanitätern wärst du nur im Wege gewesen, und auch das Telefon musste ich erobern und dann die Tür vor dir schließen, dein Jaulen und Winseln nicht beachten, und später warf der Notarzt sehr prüfende Blicke auf mich und wies die Sanitäter an, dringend auf mich zu achten ...). - Fest steht, dass ich mich in diesem Augenblick, als Oma verletzt dalag, so schlimm wie nie auf mein eigenes körperliches Gebrechen reduziert fand.

Nachbarn kamen, als der Rettungswagen eintraf, und fragten, in welcher Weise sie helfen könnten; meine Frau, die ich übers Sekretariat der Schule erreichen konnte, kam noch rechtzeitig nach Hause, um Omas Transport ins Krankenhaus zu begleiten.

Im Krankenhaus (1): Der Leidensweg beginnt
Oma hatte zahlreiche Prellungen, Schürfwunden und eine Platzwunde am Hinterkopf, aber auch ein gutes Heilfleisch. Die Wunden heilen erstaunlich gut und schnell, die Muskulatur jedoch wird zusehends schwächer, sie braucht Hilfe beim Gehen. Ihr Geist pendelte jetzt in immer kürzeren Abständen zwischen Klarheit und Orientierungslosigkeit. Nur eines ist ihr sonnenklar: Sie will nach Hause! Ob wir schon die Rechnung bezahlt hätten; sie brauche nur noch ihre Kleidung zusammenpacken, und dann könnten wir nach Hause fahren. So und so ähnlich äußert sie sich bei jedem unserer Besuche, also mindestens zweimal täglich. Beginn der Vertröstungen.

Einige besonders nette Mitglieder der pflegenden Zunft bekunden uns gegenüber offen ihren Unmut über so eine störrische und unbequeme alte Frau: Sie isst nicht und trinkt viel zu wenig, sie nimmt ihre Medikamente nicht, meldet sich nicht rechtzeitig, dass sie zur Toilette muss, und erledigt ihr Geschäft ins Bett oder gar auf dem Flur. Sie steht eigenmächtig auf und ist auch schon wieder gestürzt, erneute Platzwunde. Sie verwechselt die Zimmertüren. Mit ihrer Bettnachbarin fängt sie Streit an. - Nicht alle Pflegerinnen äußern sich so unverhohlen verärgert, aber wir beginnen zu spüren, dass Oma und wir keine sonderlich gern gesehenen Gäste sind. Und es dauert nur wenige Tage, da finden wir Oma in ein Einzelzimmer verlegt vor. Im Interesse der anderen Patienten habe man wirklich keine andere Lösung mehr gesehen, sagt man uns.

Außerdem ist ein neues medizinisches Problem entstanden: In Omas Lunge hat sich Wasser angesammelt, eine Röntgenaufnahme lässt merkwürdige Flecken erkennen, und es ist nicht auszuschließen, dass es sich um einen Lungenkrebs handelt. (Am Rande: Oma hat niemals geraucht.)

Unsere anfängliche Hoffnung, Oma bald wieder nach Hause zu nehmen, bekommt einen ersten Knacks: Wir dürften Oma niemals mehr ohne Aufsicht lassen, müssten alle Fenster und die Wohnungstür abschließen und auch den Herd stilllegen, denn wir hätten es mit einem schweren Pflegefall zu tun. Ob wir wirklich die Kräfte hätten, sie zu Hause zu pflegen? - Wir geraten selber ins Zweifeln, ob wir das leisten können. Meine Frau ist berufstätig; drei Kinder, die die Schule besuchen und deren Pubertätshormone einen manchmal beträchtlichen Füllstand erreichen, sowie ein lebhafter Hund verlangen auch unsere Aufmerksamkeit und tätige Fürsorge - wobei das männliche Familienoberhaupt, wie schon erwähnt, aus gesundheitlichen Gründen für alle körperlich mehr als ganz gering belastenden Aufgaben ausscheidet und auch psychischen Stress nur noch begrenzt ertragen kann. - Abermals wird mir mit brutaler Deutlichkeit meine eigene klägliche Rolle vor Augen gestellt! Auch meine Frau leidet zunehmend unter der Situation; man sieht ihr an, wie die Belastung an ihr zehrt.

Die Vertröstungen, Oma mit nach Hause zu nehmen, wenn sie wieder richtig fit sei, werden zur Qual; denn nun durchmischen sie sich mit dem Gedanken, dass sie vielleicht doch niemals mehr ihre eigene Wohnung sehen wird. - Wäre vielleicht ein ambulanter Pflegdienst ein Ausweg? Eine Weile gibt uns dieser Gedanke wieder etwas Mut, auch wenn wir ihn nicht mit dem Sozialdienst erörtern können, denn die zuständige Dame tritt gerade ihren Urlaub an, und ihr Vertreter hat sich noch nicht genügend in den Fall einarbeiten können.

Mittlerweile sind die Mediziner zu dem Schluss gekommen, dass sie bezüglich der nicht nachlassenden Wasseransammlung und des Verdachts auf Lungenkrebs keine eindeutige Diagnose stellen können. Oma wird in eine Fachklinik für Lungenkrankheiten überwiesen.

Im Krankenhaus (2): Der Leidensweg setzt sich fort
Auf die Verwirrung, die durch den erneuten Wechsel des Ortes und der Menschen, die sie jetzt betreuen, entsteht, reagiert Omas Gehirn ganz erstaunlich: Es wirft einen Rettungsanker in die Vergangenheit hinein, und prompt befindet sich Oma mal in dem einen, mal in dem anderen Krankenhaus ihrer Heimatstadt, und sie kann lange darüber sprechen, dass sie jetzt großzügig anbauen und wie viel Geld das wohl kostet; aber den Kranken werde ja dadurch geholfen; und sie habe schon ganz viele Bekannte getroffen, die sie schon lange nicht mehr gesehen hat; manche sprechen sie an, andere tun so, als würden sie sie nicht kennen, vielleicht schämen sie sich ja, hier zu sein. (Leider wissen wir, dass die Menschen, von denen sie spricht, schon lange tot sind, aber was soll’s, sie hat zumindest eine Orientierung gefunden, die ihr Sicherheit gibt und etwas Freude bereitet.) Sieht sie aus dem Fenster, dann müsste sie nach unseren Begriffen Dachfirste der umliegenden Häuser sehen. Sie aber sieht Eisenbahngleise und Eisenbahnen fahren, und die machen einen solchen Krach, vor allem auch nachts, dass sie sich demnächst darüber beschweren will. - Wir hüten uns, ihr zu widersprechen.

Ansonsten gibt es nicht viel bzw. entscheidend Neues gegenüber dem vorangegangenen Krankenhausaufenthalt. Höchstwahrscheinlich, ergeben die Untersuchungen, handelt es sich um einen Lungenkrebs eines ganz besonderen Typs, und der könne jetzt ganz schnell, innerhalb weniger Wochen, zum Tode führen, es könnte aber auch sein, dass Oma noch ein Jahr oder länger damit leben kann.

Ansonsten: Oma hat schon wieder die Karriere vom Mehrbettzimmer zum Einzelzimmer durchmachen müssen (im Interesse der anderen Patienten), reißt sich die Kanüle heraus, steht auf und wandert über den Flur, fällt ... Konsequenz: Bettgitter, das sie aber überklettert, Fixierung, und alsbald kann sie sich ohnehin nicht mehr aus eigenen Kräften fortbewegen. Ab nun liegt Oma entweder im Bett oder sie sitzt im Rollstuhl oder wir fahren sie im Rollstuhl spazieren, verbunden mit einem Besuch in der Cafeteria, oder an die frische Luft. Gut jedenfalls, dass sie nicht die ganze Zeit, in der wir nicht da sind, allein in ihrem Zimmer verbringen muss, denn das Pflegepersonal schiebt sie in ihrem Rollstuhl häufig ins Stationszimmer, damit sie a) nicht ganz so alleine, b) beaufsichtigt ist.

Langsam, aber nachdrücklich wird uns klar gemacht, dass man Oma nicht viel länger mehr hier im Krankenhaus halten kann, denn medizinisch könne man jetzt gar nichts mehr machen, und eigentlich sei sie jetzt nur noch ein Pflegefall. Oma wird begutachtet, vorläufige Schätzungen lassen auf die Pflegestufe 2 schließen. - Aber was sollen wir tun? Oma in diesem Zustand nach Hause bringen? Wir sind körperlich und psychisch mittlerweile selber dermaßen ramponiert, dass wir eine Verschnauf- und Bedenkpause brauchen. Wir beschließen, es wäre das Beste für alle, Oma zur Kurzzeitpflege einem Altenheim anzuvertrauen.

Oma erreicht den Gipfel ihres Leidens (Kurzzeitpflege im Altenheim)
Nach vielen Telefongesprächen, persönlichen Vorsprachen und ebenso vielen bedauernden Absagen, so kurzfristig sei denn doch kein Kurzzeitpflegeplatz frei, war uns das Glück denn doch noch hold: Gar nicht mal ganz so weit von unserem Wohnort entfernt fanden wir einen Kurzzeitpflegeplatz, sogar mit der Option, ihn in einen dauerhaften Pflegeplatz umzuwandeln, wenn wir uns dazu entschließen sollten.

Sollten wir? - Quälende Frage, die aber schon nach wenigen Tagen in die Gewissheit umschlug: Mit Omas geistigem Zustand könnten wir leben, aber mit der Sorge um ihre körperliche Unversehrtheit und der körperlichen Pflege wären wir, auch wenn uns ein ambulanter Dienst einige Aufgaben abnehmen könnte, voll überfordert, und letztlich würden wir Oma keinerlei Gefallen tun, wenn wir uns einer Aufgabe stellen, an der wir kläglich scheitern würden. Ich selber schaffe es mit meinen krankheitsbedingt sehr schwachen Kräften nicht, diese gewiss nicht schwere Frau im Bett aufzurichten, geschweige denn sie vom Stuhl oder Sessel aus in den Rollstuhl zu setzen usw. Auch meine körperlich starke Frau benötigt nun oftmals die Hilfe einer Pflegerin, und selbst diese müssen Oma häufig zu zweit anfassen, um sie aufzurichten, sie in den Rollstuhl oder auf die Toilette zu setzen etc.

Selbstverständlich wurde der Rollator, den wir in der vagen Hoffnung, Oma könne langsam wieder lernen, sich selbständig fortzubewegen, angeschafft hatten, unter diesen Umständen praktisch niemals benutzt. Dabei war doch der Wunsch, endlich wieder nach Hause zu kommen und ihre gewohnte Arbeit und Spaziergänge zu machen, in ihr enorm lebendig. Hier war sie zwar zur Kur (Oma verzeihe uns diese Notlüge), aber sie wurde ja so schlecht behandelt: Die Schwestern gaben ihr altes Brot, und das frische aßen sie selber und nahmen es mit nach Hause um ihre Familie damit zu versorgen (bitte, liebe Pflegerinnen, das haben wir Oma wirklich nicht abgenommen), und ihre Zimmergefährtin sei unheimlich zänkisch und habe sie sogar mit ihrem Stock geschlagen.

In dieser Zeit nehme ich zum wiederholten Male am „Gesprächskreis für Angehörige von Demenzkranken“, veranstaltet vom Caritas-Verband, teil. Das Thema lautet: „Kommunikation mit Demenzkranken“; die Referentin ist Trainerin für „Integrative Validation“, einem speziellen Ansatz, mit den Befindlichkeiten und Sorgen demenzkranker Menschen um- und auf sie einzugehen. Das Referat beeindruckt mich sehr. Meine Frau und ich bemerken, dass wir auf dem richtigen Weg waren, Omas Erlebniswelt ernst zu nehmen; wir sind entschlossen, diesen Weg weiter zu beschreiten, und bemühen uns darum, die kommunikative Technik zu verfeinern. - Jetzt aber passiert etwas Neues:

Oma beginnt zu schreien. Zunächst bei körperlicher Berührung, dann auch, wenn sie gar nicht angefasst wird. Dann schreit sie auch im Schlaf. Die Karriere, die wir zuvor in den Krankenhäusern kennen gelernt haben, wiederholt sich: vom Doppelzimmer ins Einzelzimmer - im Interesse der anderen Bewohner.

Ich erinnere mich daran, was die Referentin über das Schreien demenzkranker Menschen gesagt hatte, speziell an den Fall eines Mannes, bei dem die Ursache des Schreiens ein Magengeschwür, also ein echtes körperliches Leiden, war. Wir wissen ja um Omas Krebserkrankung und sprechen Omas neuen Hausarzt darauf an, ob ihr Schreien Ausdruck unerträgliche Tumorschmerzen sein könnte. Der neue Hausarzt entgegnet, sie bekomme schon die maximale Dosis eines sehr starken Schmerzmittels, mehr könne er wirklich nicht verantworten. Wir ruhen nicht und beschaffen uns Informationen über Schmerztherapien (Dank sei wieder einmal dem Internet), erfahren, dass das Schmerzmittel, das Oma bekommt, nur gegen leichte bis mittlere Tumorschmerzen hilft. Wieder sprechen wir den Hausarzt an, aber der ist, wie übrigens auch die Pflegerinnen, der Meinung, Oma sei einer dieser Fälle, die in einer psychiatrischen Klinik medikamentös richtig eingestellt werden müssten, und dann kämen sie wie umgewandelt zurück. Da stehen wir nun vor dem einhelligen Urteil erfahrener Leute und können doch nicht glauben, dass die psychiatrische Klinik der richtige Weg ist. Sind wir einfach Besserwisser und Quertreiber?

Wieder fällt uns die Referentin ein, von deren Ausführungen wir so sehr angetan waren: Warum nicht versuchen, von einer Person Rat einzuholen, die uns von ihrem ganzen Konzept her gedanklich am nächsten stand? Vielleicht ist sie ja viel zu beschäftigt, um sich gerade mit unserem speziellen Fall zu beschäftigen, und überhaupt kennt sie weder uns noch Oma und kann doch alles nur aus der Ferne beurteilen. Egal, einen Versuch ist es wert. Wir schreiben ihr eine E-mail, schildern ihr die Umstände so gut es geht und bitten um ihren Rat.

Umgehend erhalten wir Antwort und stellen erleichtert fest, dass wir „Besserwisser und Quertreiber“ offenbar Verstärkung erhalten haben. Kurz darauf ruft uns die Referentin persönlich an. Es wird ein langes Telefongespräch, und am Ende steht für uns fest: Dem Rat des neuen Hausarztes und des Pflegepersonals zu folgen und Oma in der Psychiatrie medikamentös einstellen zu lassen, wäre nicht der richtige Weg. Oma braucht Aufmerksamkeit, aktive Betreuung (und nicht nur Versorgung) und eine wirksame Schmerztherapie.

Zu ergänzen ist, dass ich in der Zwischenzeit die psychiatrische Klinik, in die Oma eingewiesen werden sollte, aufgesucht, mit einigen Leuten des medizinischen und des Pflegepersonals gesprochen hatte und ziemlich schnell zu dem Ergebnis gekommen war, dass dies überhaupt nicht der richtige Platz für Oma wäre. Mag ihre Psyche noch so verwirrend für uns sein: nicht sie ist die Ursache ihres ständigen Schreiens und Wimmerns, sondern dahinter steckt ein echter unerträglicher körperlicher Schmerz, der in Zusammenhang mit ihrem Tumor steht. Das ist und bleibt jetzt unsere Überzeugung, bis uns jemand mit wirklich guten Gründen davon abbringen kann. Der Kurzzeitpfleg-Vertrag läuft in wenigen Tagen aus, und es wird Zeit neu zu handeln.

Wir rufen die gerontologische Abteilung eines Krankenhauses in der Nähe an, können der Sekretärin des Leiters der Abteilung den Fall schildern. Kurze Zeit später der Rückruf: Nur zwei Tage später sei ein Bett frei, Oma könne aufgenommen werden.

Pendelnd zwischen Hoffnung und Bangen veranlassen wir Omas vierten Umzug. Oma selber verknüpft damit durchaus Positives; denn als wir ihr sagen, dass sie jetzt in ein Krankenhaus kommt, in dem man sich ganz intensiv um ihre Schmerzen kümmern wird, flüstert sie: „Danke!“ – und das bleibt nachhaltig in unserer Erinnerung, denn viel mehr Worte wird sie Zukunft nicht mehr sprechen.

Und es war der richtige Weg! Denn was jetzt folgt, ist ...

... Omas Erlösung
Meine Frau folgt dem Krankenwagen, der Oma vom Altenheim zum Krankenhaus fährt, ich selber warte in der Aufnahme. Omas Ankunft ist herz- und trommelfellzerreißend. Sie schreit wie am Spieß, sitzt dabei bizarr verkrümmt im Transportstuhl. Während der Eingangsuntersuchung geht das Schreien in dauerhaftes Wimmern und Stöhnen über; nur noch mit Mühe kann sie Wörter formen. Oma wird in ihr Zimmer verlegt, wir räumen ihre Wäsche ein. Wir versichern ihr noch einmal, dass sie in guten Händen ist und dass jetzt endlich was gegen ihre Schmerzen getan wird. Einige Untersuchungen später werden wir zum Gespräch gebeten. Die Ärztin, die uns empfängt, ist die erste Person, die mit uns der festen Überzeugung ist, Oma müsse wirkliche und nicht eingebildete unerträgliche Schmerzen haben. Für die Mediziner steht fest, dass Oma an Lungenkrebs im Endstadium leidet, dass es nicht sinnvoll sei, die Hoffnung auf irgendeine Therapie zu setzen, und dass die sofortige Einleitung einer Schmerztherapie der bestmögliche Weg sei, ihr einen Abschied ohne Qual von dieser Welt zu erlauben.

Wir sind einverstanden. Die wenige Zeit, die Oma noch verbleibt, möglichst schmerzfrei zu verbringen, das hat sie sich nun wirklich verdient. Wir verbringen lange Zeit an ihrem Bett. Manchmal noch versucht Oma etwas zu sagen, aber es klappt nicht, und schließlich stellt sie das Sprechen völlig ein. Macht nichts, vermitteln wir ihr, schließlich können wir ja mit dir sprechen. Und das tun wir: viel über Vergangenes, an das sie sich immer gerne erinnert hat, aber auch über die Entwicklung ihrer Enkel, die ihr immer sehr am Herzen lag. Besuchen diese sie, ist sie, wenn sie nicht gerade schlummert, in der Lage, sie mit einem kleinen Lächeln zu empfangen.

Oma ist wirklich hier in guten Händen. Das Pflegepersonal ist ausnahmslos freundlich, ruhig und hilfsbereit, lagert sie regelmäßig um, pflegt ihre rissige, ausgetrocknete Haut. Sie bekommt passive Krankengymnastik und natürlich ihre Morphindosen. Die Mitpatientin, die das Ganze nicht so gut ertragen kann, wird in ein anderes Zimmer verlegt. (Zum ersten Mal wird nicht einfach Oma wieder abgeschoben!) Ob Oma schlummert oder wach ist, der krampfhaft verzerrte Gesichtausdruck ist verschwunden, sie wirkt entspannt. Die Mediziner versichern uns, dass sie ganz bestimmt nicht leidet, und das glauben wir ihnen gerne.

Eines Morgens dann, fünf Tage nach ihrer Einweisung, der Anruf, dass Oma wohl in den nächsten Stunden sterben wird. Gefasst machen wir uns auf den Weg. Omas Atem geht zwar schwer, aber wie sie da liegt, mit geschlossenen Augen, die sie nur manchmal leicht öffnet, ist das ein eher friedliches Bild. Eine Ordensschwester begleitet die Sterbende und uns; mit dieser Frau, der das Sterben durch langjährige Erfahrung doch so vertraut ist, zu sprechen, ist bereichernd und tröstend. Auch mit Oma reden wir, streicheln sie, befeuchten ihre Lippen. Ob sie irgend etwas davon mitbekommt, wissen wir nicht. Wir hoffen es. Und wenn nicht, dann hat sie es nach diesem Leidensweg doch einfach verdient, dass man sich vernünftig von ihr verabschiedet.

Fünf Stunden sollte es dauern, bis der Tod eintrat. Pflegpersonal und Arzt hielten sich diskret im Hintergrund, schauten nur dann und wann leise nach, ob mit Oma und auch mit uns alles in Ordnung war. Die Ordensschwester zog sich ebenfalls zurück, und so konnten wir wirklich ungestört Abschied von Oma nehmen. Nachdem wir gemerkt hatten, dass sie ihren letzten Atemzug getan hatte, sagten wir im Dienstzimmer Bescheid, ruhig und besonnen wie immer trat der Arzt ins Zimmer, bestätigte Omas Tod, drückte uns sein Mitgefühl aus, versicherte uns noch einmal, dass Oma wenigsten in den letzten Tagen ihres Lebens nicht mehr gelitten habe. Ob wir noch eine Weile mit der Verstorbenen allein sein wollten, fragte er uns, und das wollten wir denn auch.

Einige Wochen später. Von der Krankenhausseelsorge bekommen wir eine Einladung zu einem Gedenkgottesdienst für alle in den letzten Jahren in diesem Krankenhaus Verstorbenen. Der Name jedes Verstorbenen wird verlesen, ein Licht für ihn wird durch die Angehörigen oder einen Seelsorger entzündet und auf den Altar gestellt.

Ein schönes Ritual, finden wir. Gut, dass es in unserer schnelllebigen Zeit überhaupt noch Nischen für das Gedenken gibt. Wir beschließen, uns auf den nächsten Gedenkgottesdienst zu freuen.

Viele Fragen ... 
... sind in der Zeit, die wir geschildert haben, in uns entstanden.
Wer oder was hat das Leben so eingerichtet, dass es mit so viel Leiden (zwischendurch oder am Ende) verbunden sein kann? 
An welchen Stellen hätten wir uns anders entscheiden sollen? Wäre dadurch alles anders und besser verlaufen? 
Wie anders wäre alles verlaufen, wäre ich selber nicht schwer herzkrank, sondern gesund? 
Wie aber, wenn ich gesund gewesen wäre, aber voll im Berufsstress gestanden und entsprechend weniger Zeit gehabt hätte?

Ich höre mit der Aufzählung der Fragen auf. Tatsächlich sind es viele mehr. Aber so einmalig wie die genaueren Umstände in unserer Situation, so einmalig sind die genaueren Umstände in der Situation des Lesers, der mir geduldig bis hierhin gefolgt ist. Und deshalb werden in ihm andere Fragen entstehen als die, die in uns entstanden sind.

Zum Schluss ... 
... möchten wir betonen, dass wir Unzulänglichkeiten unserer Kranken- und Pflegeeinrichtungen in diesem speziellen Fall heftig und schmerzlich kennen gelernt haben, aber niemanden persönlich angreifen wollen. Wir wissen sehr wohl, unter welchen Bedingungen Pflegekräfte und medizinisches Personal arbeiten und häufig ihr Bestes zu geben versuchen.

Ausdrücklicher Dank aber sei ausgesprochen:
der Trainerin für „Integrative Validation“, die wir als Referentin kennen gelernt und die uns danach nicht nur sehr kompetent, sondern auch sehr herzlich und teilnehmend beraten hat und die uns nach Omas Tod tröstende Worte für uns fand, sowie dem Leiter und dem Pflegepersonal der Klinik, in der Oma denn doch nach einigen leidvollen Umwegen ein friedliches und würdiges Ende finden durfte.

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